Grundsatzdiskussion - Handling von Reptilien

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Njoerchie
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Re: Grundsatzdiskussion - Handling von Reptilien

Beitragvon Njoerchie » Do Apr 20, 2017 11:27

vampyr hat geschrieben:Hierzu fällt mir ein Satz meines ehemaligen Biologielehrers ein, der in den der bereits in den 60er und 70er Jahren ein begeisterter Terrarianer war:

"Reptilien sind einfach gestrickt: was kleiner ist als sie wird gefressen, was gleich groß ist mit dem wird sich gepaart und was größer ist, vor dem hat man Angst"

Sicherlich ist dies eine einfache Erklärung für einen 5- Klässler der ich damals war, sicherlich sind die Tiere um einiges differenzierter, aber in dem Satz steckt auch sehr viel Wahrheit!

Gruß vampyr

Hi vampyr. Da steckt tatsächlich sehr viel Wahrheit drin. Was ich in dem Satz noch vermisse ist das Konkurrenz-Verhalten (Territorialverhalten bei Echsen, Commentkämpfe bei Schlangen, etc.). Ansonsten trifft das schon sehr gut :)

Jensli hat geschrieben:Ein Nilkrokodil hat vor einem ungleich größeren Zebra überhaupt keine Angst, insofern ist der Satz schon bei der erstbesten Reptilienart, die mir gerade einfällt, bereits widerlegt. :roll:

Das absolute Nicht-Handling, weil die schutzbedürftige Kreatur ansonsten in ihrem "rundumsorglos"-Lebensraum Terrarium gestört, schlimmstenfalls sogar bis zur Herzfrequenzerhöhung gestresst wird, ist übrigens auch eine Vermenschlichung. Denn hier werden Fakten mit Emotionen gleichgesetzt.

Also - never ever handling?
...
Aussagekräftiger als alle Studien mit Herzfrequenzmessung und emotionaler Scheinargumentation ist der schlichte Fakt: in Menschenobhut gehaltene (und gehandelte) Schlangen werden deutlich älter als sämtliche "Kollegen" in freier Wildbahn. Mir sind persönlich einige Alters-Rekordhalter bekannt, die regelmäßig angefasst werden und sei es nur zur Fütterung. Diese Tiere müssten inzwischen alle längst an Herzrasen verstorben sein. Tun sie aber nicht. Im Gegenteil. Sie vermehren sich sogar und bekommen im Alter oft ähnliche Erkrankungen wie wir: Gefäßverkalkung, Fettleber, (Haut-)Tumore. Das Handling entspricht (und ersetzt) eher die in der freien Natur alltäglichen "Aufregern" denen jedes Wildtier nun einmal ausgesetzt ist: Kommentkämpfe, Partnerwahl, Kampf mit einem wehrhaften Beutetier, Flucht vor einem (vermeintlichen) Beutegreifer, etc.
Damit wir uns richtig verstehen: ich grabsche meine Nattern nicht grundlos täglich heraus. Nicht mal für Besuch. Wenn ich aber die Behausung öffne und die Natter auf meine Hand kriecht, schubse ich sie auch nicht weg, sondern lasse sie machen.
...
Handling von Reptilien ist ein unnötig aufgebauschtes Thema. Der eine tut es, der andere Verteufelt es. Wir haben ganz andere Sorgen. Weltweit sterben die Reptilien schneller aus, als man seinen Königsypython zu Tode gestreichelt hat...

Jens...was mir als erste Arten einfielen waren Mauereidechse, Lampropeltis pyromelana, Schlingnatter.
Ist schon seltsam oder? ;)

Aber Du hast mit Deinen anderen Aussagen absolut Recht.
Zamenis situla Altersrekord aktuell über 40 Jahre in Haltung, Lampropeltis "triangulum sinaloae" über 30 Jahre, etc.

Aber Reptil ist nicht gleich Reptil. Viele ruhige Nattern kommen freiwillig auf die Hand. Sieht man sich Geckos wie Coleonyx species an, dann bekommen sie eine (obwohl sie absolut zutraulich sind!) deutlich erhöhte Atemfrequenz bei Annähern der Hand. Und auch wenn sie freiwillig auf die Hand klettern, finden sie es noch lange nicht prickelnd. Ich habe bei einem Coleonyxweibchen den Fehler gemacht meine Nase zu nahe an den Kopf zu bewegen um sie genau zu betrachten - es zwickt ordentlich in der Nasenspitze, und es kommt unvorbereitet wie ein Klapperschlangenbiss... :)
Trotzdem keinerlei Anzeichen von Panik oder Flucht, lediglich die Ansage "Bleib lieber weg mit Deiner Nase".
Man sollte die Intelligenz solcher Tiere keinesfalls unterschätzen, und Panzerechsen sind da noch eine ganz weite Stufe höher angesiedelt als Nattern, Eidechsen oder Geckos. Krokodilartige können nicht umsonst unterschiedliche Personen an ihrem Gang oder ihrer Stimme erkennen, hören auf ihren (vom Menschen gegebenen) Namen und ähnliche Dinge. Es gab da mal eine gute Doku drüber (es ging um Alligatoren in einer deutschen Haltung), aber diese Erkenntnisse waren absolut faszinierend - eben deswegen würde mir ein Krokodil im Zusammenhang mit "Reptilien verallgemeinert" als allerletztes einfallen ;)

Handling ist ab und an für mich notwendig, je nach Situation und Tier.
Je nach Art und auch nach Tier gehe ich entweder direkt mit der Hand oder auch mit dem Haken vor. Generell bin ich für das Handlen von harmlosen Arten, solange es sich um ruhige Tiere / Arten handelt und die Tiere dadurch nicht allzu sehr gestresst werden.
Heimische Reptilien und Amphibien (solange es sich nicht um Vipern handelt) fasse ich ebenso mit der Hand an, wenn sie direkt oder indirekt Gefahr laufen durch den Menschen Schaden zu nehmen (Amphibienwanderungen, Kellerschächte, sonstige Rettungsaktionen) bzw. bei Kartierungsaktionen (z.B. Molchbestimmung anhand der Bauchzeichnung inclusive Vorkommenskartierung).

Von daher...für mich gehört die Haptik mit dazu solange es nicht übertrieben wird.

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Jensli
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Re: Grundsatzdiskussion - Handling von Reptilien

Beitragvon Jensli » Do Apr 20, 2017 11:39

Na, da hast du aber eine olle Kamelle ausgebuddelt... :-D
Die Dionenatter: http://www.dionenatter.de

Spielverderber
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Re: Grundsatzdiskussion - Handling von Reptilien

Beitragvon Spielverderber » Do Apr 20, 2017 11:45

Njoerchie hat geschrieben:Sie vermehren sich sogar und bekommen im Alter oft ähnliche Erkrankungen wie wir: Gefäßverkalkung, Fettleber, (Haut-)Tumore. Das Handling entspricht (und ersetzt) eher die in der freien Natur alltäglichen "Aufregern" denen jedes Wildtier nun einmal ausgesetzt ist: Kommentkämpfe, Partnerwahl, Kampf mit einem wehrhaften Beutetier, Flucht vor einem (vermeintlichen) Beutegreifer, etc.


Viele Reptilien vermehren sich in Gefangenschaft selbst unter widrigsten Bedingungen, siehe Python regius in winzigen Racks, Pogona in kleinsten Behältern ohne nennenswerte Beleuchtung und so weiter. Wenn Reptilien sich fortpflanzen, ist das noch lange kein Indikator für gute Haltung. Allgemein hat das Thema handling darauf wohl kaum Einfluss. Und daß handling zum Beispiel innerartliche Interaktion ersetzen oder dem überwältigen eines wehrhaften Beutetieres entsprechen soll, bedarf wohl noch einiger weiterer Erklärungsversuche - da kann ich Dir nicht ganz folgen.

"Wohlstandserkrankungen" wie Fettleber beispielsweise sind in der Tat auch bei Terrarientieren ein Problem, da hast Du schon Recht. Es liegt doch aber an uns Haltern, angemessene Ernährung zu gewährleisten und das Nahrungsangebot an die Umstände anzupassen. Auch hier sehe ich den Zusammenhang zum handling irgendwie nicht.

Njoerchie
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Re: Grundsatzdiskussion - Handling von Reptilien

Beitragvon Njoerchie » Do Apr 20, 2017 12:41

Jensli hat geschrieben:Na, da hast du aber eine olle Kamelle ausgebuddelt... :-D

Ein halbes Jahr - so alt ist der Thread noch nicht, und ich habe ihn jetzt erst entdeckt ;)

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Claus
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Re: Grundsatzdiskussion - Handling von Reptilien

Beitragvon Claus » Fr Apr 21, 2017 15:18

Leute, bitte - bevor ihr euch jetzt in die Haare kriegt, möchte ich friedensstiftend etwas ablenken
indem ich ein anderes "Beobachtungs-Thema" vorschlage.
Mich würde zum Beispiel interessieren, wie lange eure Schlangen, ohne zu blinzeln, ihre
Augen an einem Stück aufhalten können.

Und los geht´s. Beobachtungen bitte gleich in diesem Thread posten, bin schon sehr gespannt. :-o

In diesem Sinne euch allen ein schönes und vor allem friedliches Wochenende. :-D


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