Was zeichnet eine Art aus?

Diskussionen zur Systematik und Taxonomie von Reptilien, Amphibien und Wirbellosen

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Beitrag von Gast » Sa Mär 13, 2010 10:17

ENDLICH mal wieder ein Thema das interessant ist! Leider kann ich dazu nicht viel schreiben weil mir das Wissen fehlt. Aber ich hoffe, der Thread hat Potential für mehr!

Liest sich schonmal wirklich interessant.


@domino: Das dürftest du mir beantworten können. Wie sieht zB die Arbeit bei deinen Leiopythons aus. Wie kommst du zB darauf, neue Unterarten zu bestimmt. Wie läuft dies ab ?
Vergleichst du diverse Tiere und gehst anhand der Unterschiede von neuen Arten/Unterarten aus ?
Was für eine Rolle spielt dabei das Ursprungsland oder zB das Futter ?

Bei Darwins Finken wurde ja gezeigt, dass durch Futter und andere Umgebung, Arten sich verändern usw.
Sind dass dann wirlich nur Unterarten oder eine neue Art ?

domino
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Beitrag von domino » Sa Mär 13, 2010 10:21

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domino
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Beitrag von domino » Sa Mär 13, 2010 10:40

@Kopfgeist
Wie sieht zB die Arbeit bei deinen Leiopythons aus. Wie kommst du zB darauf, neue Unterarten zu bestimmt. Wie läuft dies ab ?
Vergleichst du diverse Tiere und gehst anhand der Unterschiede von neuen Arten/Unterarten aus ?
Nun, eigentlich steht schon alles in der Publikation selbst, also wieso ich zu den entsprechenden Schlüssen gekommen bin ;-) Ich habe mir sämtliches verfügbare Material in Museen in Europa und den USA angeschaut und eine Liste von rund 25 morphologischen Merkmalen miteinander verglichen. Einige Merkmale habe ich dann ausgeschlossen, da alle sie zeigten, sie also überall gleich waren. Es würde keinen Sinn machen, z.B. das Vorhandensein von Zähnen als Merkmal nehmen zu wollen, da alle Zähne haben... Die Merkmale habe ich ungewichtet (alle gleich wichtig) in metrische bzw. logische Kennzahlen umgesetzt. Als Beispiel:

Ventralschuppen:
von Ort A: 247-263
von Ort B: 259-265
von Ort C: 243-253

Lorealschuppe:
von Ort A: 1 (eine vorhanden)
von Ort B: 2 (zwei vorhanden)

weißer Fleck hinter Auge:
von Ort A: 1 (vorhanden)
von Ort B: 0 (nicht vorhanden)

usw.

Diese Datenmatrix habe ich dann über eine multivariate Analyse (Principle Component oder Principle Coordinate Analyse) analysiert. Dabei werden Gruppen von gleichen oder sehr ähnlichen Merkmalen zusammengefasst, Gruppe mit Merkmalsunterschieden zeigen sich in separaten Punktwolken in dem Diagramm. So kam heraus, dass z.B. Leiopython alberisii
eine große Punktwolke ergibt, Leiopython fredparkeri eine andere. Überlappungen zweier Punktwolken zeigen unter Umstännden Kreuzungen bzw. innerartliche Variabilität. Dann legt man ein Artkonzept zugrunde und beschreibt...Ich habe allerdings auch ökologische Faktoren (Klima, Nahrung, etc.) mit einbezogen, so dass sich für mich das publizierte Bild ergab.

Was für eine Rolle spielt dabei das Ursprungsland oder zB das Futter ?
Nunja, das Ursprungsland spielt eine wichtige Rolle! Aber dazu muß man weiter ausholen. Die Frage nach der Erdgeschichte und der Ausbreitung der Arten bzw. Populationen (Biogeographie) ist sehr wichtig. Z.B. ist das Gebirge in Neuguinea vor rund 8 Mio. Jahren etstanden und bildet eine sog. geographische Barriere, die dazu führt, dass sich der Genpool beider Populationen (nördlich und südl. des Gebirges) reduziert, und sich so über Mio. von Jahren gewisse Merkmale ausbilden können. Sowas ist immer wichtig, deshalb muß man da auch gut Bescheid wissen. Bei Boas wären da z.B. die Inseln und die Anden etc...
Nahrungsspektrum und z.B. Klima sind auch nicht unwichtig. Aber das ist nicht einfach. Denn z.B. auf einer kleinen Insel findet sich bei weitem nicht so eine breite Nahrugsvielfalt an Beutetieren wie auf dem Festland. Oder es gibt einige Beutetierarten dort garnicht. So sind z.B. einige Inselschlangen eher Amphibienfressen, während die Kollegen vom Festland auf Mäusejagd gehen... Klimatische Bedingungen spielen sowohl für das Verhalten, wie auch für die Physiologie und Anatomie eine Rolle und können zu erheblichen Unterschieden führen.
Bei Darwins Finken wurde ja gezeigt, dass durch Futter und andere Umgebung, Arten sich verändern usw.
Sind dass dann wirlich nur Unterarten oder eine neue Art ?
Das kann man halten wie man will...

Viele Grüße,
Wulf
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Beitrag von Gast » Sa Mär 13, 2010 10:44

Danke dafür! ;-)

domino
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Beitrag von domino » Sa Mär 13, 2010 10:50

Es gibt darüber übrigens ein Standardwerk:

Bild
Describing Species: Practical Taxonomic Procedure for Biologists
Judith E. Winston
Columbia Univ Pr 1999-10 Taschenbuch 512 Seiten

Sehr gutes Buch über das Vorgehen ansich. Die Methoden zur Analyse mußt Du allerdings dennoch lernen und anwenden können. Ebenso mußt Du eigene Schlüsse ziehen. Das nimmt Dir das Buch nicht ab!
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Beitrag von Twoton » Sa Mär 13, 2010 16:34

Ist ja alles schön und hübsch, aber die Evolution sorgt dafür, dass die meisten Arten in ein paar hundertausend Jahren phänotypisch oder genetisch sowie ganz anders aussehen werden - warum sich also jetzt den Kopf machen, sie anhand von Merkmalen zu beschreiben und differenzieren, die es dann nicht mehr geben wird? <indenbunkerflücht>

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Beitrag von Rene02 » Sa Mär 13, 2010 16:59

...warum sich also jetzt den Kopf machen, sie anhand von Merkmalen zu beschreiben und differenzieren, die es dann nicht mehr geben wird?
Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?
Honoring those who improve the species...by accidentally removing themselves from it! (Darwin-Awards)

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Beitrag von Twoton » Sa Mär 13, 2010 17:01

Mein Gott, nehmt mich halt ernst :-D :-D

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Beitrag von nexxus » Sa Mär 13, 2010 17:02

Woher weisst Du, dass es sich auf deiner Seite um Sinonatrix annularis handelt?

Wir bewegen uns natürlich in einem Status quo. Manche Arten sterben aus, manche entwickeln sich.... Das ist doch gerade das spannende. Es wird nie langweilig. Und ich vage mal zu bezweifeln, ob der Mensch ist hunderttausend Jahren ( wenn vorhanden ) noch so aussieht ;-)
All truths are easy to understand once they are discovered; the point is to discover them.

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Beitrag von Twoton » Sa Mär 13, 2010 17:15

Genau meine Rede!!! Schau dir nur mal diese Teenager an, deren vom Textmessaging gestählte Daumengelenke flexibler UND schneller sind als die ihrer Zeitgenossen, weswegen manche Biologen dies als einen dominanten Trend prognostizieren, der schon im nächsten Jahrhundert zumindest in den entwickelteren Ländern der Erde zur Norm gehören wird (ausnahmsweise kein Witz). Vielleicht ist Sinonatrix annullaris bis dahin auch schon bei den Elapiden gelandet.....wenn es diese Klassifizierung dann überhaupt noch gibt. Aber Fluxus ist ja auch gut, denn er gibt Taxonomen stets was zu tun.

Also, Kinders, werdet entweder Taxonom oder Beerdigungsunternehmer - gestorben wird immer, und sich weiterentwickelt auch!
!
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