Naturschutzbund prangert Deutschland an

Diskussionen über Verbreitungsgebiete, Feldherpetologie und sonstige Belange der Ökologie und Biologie

Moderator: Forenteam

Gesperrt
M.W.

Naturschutzbund prangert Deutschland an

Beitrag von M.W. » Fr Apr 04, 2014 7:34

Hallo,

"Der Verband kritisiert, dass sogar in Schutzgebieten in großem Stil geschützte Grünlandflächen untergepflügt und zum Beispiel in Maisäcker für die Energiegewinnung aus Biogas umgewandelt würden – und zwar „meist ungestraft“. Viele Flächen würden auch durch Düngung oder Entwässerung intensiviert und so ökologisch entwertet. Tschimpke: „Gehen Entwicklungsländer so mit dem Regenwald um, ist die Empörung groß. Wenn aber vor unserer Haustür ein massenhaftes Artensterben angerichtet wird, werden gerne alle Augen zugedrückt – von den Landratsämtern bis zur Bundesregierung.“"

ganzer Text: http://www.fr-online.de/politik/natursc ... 40972.html

Ohne großartiges Vorwissen hätte ich jetzt eher gedacht, gerade Deutschland mit seinen Vorschriften/Gesetzen ... und dem uns nachgesagten Pflichtbewusstsein, sei im Bereich Naturschutz im guten Mittelfeld bis hin zum vorbildlichen Verhalten angesiedelt. Anscheinend verhalten wir uns doch eher wie der berühmte Elefant im Porzellanladen.

Hat vielleicht jemand interessante Links oder etwas interessantes zu schreiben? Ich würde mich gerne bischen mehr darüber informieren.

Gruß
Matthias

Benutzeravatar
Manuel Reiss
Mitglied
Beiträge: 1786
Registriert: Di Sep 05, 2006 15:41
Wohnort: Nähe Heidelberg
Kontaktdaten:

Beitrag von Manuel Reiss » Fr Apr 04, 2014 9:45

Grüße,

das Naturbewusstsein der breiten Bevölkerung lässt schlicht und ergreifend mehr als zu wünschen übrig. Das fängt schon damit an, dass man trotz Brut- und Setzzeit alle paar Meter unangeleinte Hunde antrifft, egal ob im Wald oder im Feld. Die Herrchen sieht man dann ein paar hundert Meter weiter auf dem Feldweg herumschlappen und wenn man sie darauf anspricht, kommt soetwas wie "Unser Fiffi rührt kein Kitz an". Dass es aber schon reicht, wenn Fiffi das Kitz beschnuppert, sodaß das Muttertier es nicht mehr annimmt und es dann kläglich verhungert, das versteht keiner. Und wenn Fiffi dann doch mal zupackt und die lebendige Beute zu Herrchen/Frauchen bringt, ist das Geheule groß und man darf als Jäger anrücken und dieser armen Kreatur den Fanschuss geben. Dafür sind die bösen Lustmörder in grün dann wieder gut genug.

Ähnlich verhält es sich mit den Mäharbeiten von Bauern. Sie sind gesetzlich nicht dazu verpflichtet, doch es gibt eine klare Absprache von Bauernund Jägern, dass vor dem Abmähen von Wiesen & Feldern Bescheid gegeben wird, sodaß man das Landstück vorher ablaufen und etwaige Kitze und teils auch Nester umsiedeln kann. Aber welcher Bauer hat die Zeit? Muss ja alles schnell schnell gehen. Dann kommt wieder der Anruf, dass dort auf der Wiese zwei angemähte Kitze liegen - ohne Beine - und klagend nach der Mutter rufen. Dort hinzufahren und dem Leid ein Ende zu setzen, damit muss man auch erstmal klar kommen. Diesen Fall hatte ich z.B. letztes Jahr. Die Bilder gehen mir heute noch nach.

Ein absolutes Highlight war auch ein Landwirt, der mir berichtete, dass er jede Ringelnatter die er in der Nähe seines Grundstückes sieht totschlägt, bzw. mit der Schrotflinte (!!!) umlegt. Auf die Frage, warum er so nen Scheiss mache, bekam ich "Die gehen mir an die Hinkel (Odenwalddeutsch für "Hühner")" zur Antwort. Ich hab ihm dann versucht klar zu machen, dass er sich über die Tiere freuen sollte, da sie es eher auf die Schädlinge wie Mäuse etc. abgesehen haben, die in seinen Futtermittelbeständen hausen. Doch genausogut hätte ich meinem Hund versuchen können Intregralrechnung zu erklären. Wäre sicherlich erfolgsversprechender gewesen.

Hat jetzt alles nichts direkt mit der von Dir angesprochenen Wandlung von Naturschutzgebieten in Nutzflächen zu tun, doch es zeigt mir deutlich, dass selbst die Landbevölkerung zum Gros kein Gespür mehr für die Natur und ihre Zusammenhänge hat. Wie soll das also bei den Verwaltungshanseln in der Stadt aussehen?

Und dass heute die Rendite in allen Lebensbereichen über allem anderen steht, darüber müssen wir nicht sprechen. Ganze Dörfer und Landstriche werden wegen Braunkohlebergbau abgerissen/umgepflügt. Eine Energieform, von der wir ja angeblich weg wollen. Aber da unser lieber Staat ja einen nicht geringen Eignunsanteil an den Energieriesen hat, wird da wohlwollend drüber hinweggesehen.

Alles in Allem fällt mir da nur ein Satz ein : "Sei schlau, bleib dumm." Denn wenn man sich mit den Dingen befasst, dann hat man eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten. Hass oder Resignation.

Besten Gruß,

Manuel

Benutzeravatar
peregrinus
Mitglied
Beiträge: 615
Registriert: Fr Aug 16, 2013 23:52

Beitrag von peregrinus » Sa Apr 05, 2014 14:38

Das Naturschutzgesetzt hierzulande ist schon ganz ordentlich, zumindest würde ich es strenger einschätzen als in den meisten anderen Ländern.

Auf deinem eigenen Grund und Boden darfst du ja machen was du willst, auch Neozoen pflanzen bis der Arzt kommt oder RoundUp ausbringen, soviel du willst.
Jeder Landstrich hingegen, der "Naturschutzgebiet", "Landschaftsschutzgebiet" usw. heißt, genießt aber hervorragenden Schutz. Rein rechtlich auch vor Deppen, aber die kann man ja leider nicht immer davon abhalten, ihre Hunde frei laufen und ihren Müll fallen zu lassen (Habe auch mal ein Schutzgebeit betreut - da trifft man auf Gestalten, es ist der Wahnsinn. Ich sage nur: Fischotterfalle).

Es ist aber auch eine Sache des Managements, wie gut so ein Gebiet "läuft". Wenn sich dort Landwirte, Jagdpächter und ggf. Schutzgebietsbetreuung nicht vernetzen, klappt es weniger gut. Eins der größten Probleme sehe ich in der extrem gewinnorientierten Land- und vor allem Forstwirtschaft und daraus hervorgehenden Monokulturen. Die liegen eben nicht in schützenswerten Bereichen: Warum auch, da gibts nichts zu schützen. Nur verlieren wir eben Boden an genau solche Kulturen (die immer noch teils staatlich bezuschusst werden).

Das Problem, dass du angesprochen hast - hierzulande ist Grünlandumbruch kein Problem, aber Regenwald roden ist voll ungut - hat auch was mit medialen Sympathieträgern zu tun. Wenn du einem Heidebauern vorschlagen würdest, einen Teil seines Landes zur Moorschutzzwecken wiederzuvernässen (auch gegen angemessene Entschädigung), würde der dich mit der Flinte vom Hof jagen. Ich kenne Leute, die wegen sowas Morddrohungen von ganzen Gemeinden erhalten haben. ABER wenn der arme Jaguar kein 100ha großes Revier mehr hat. Schnief! Und der Panda sowieso. Da interessierts doch keinen Menschen, dass es Moorfrösche und Uferschnepfen und den Moorbläuling noch gibt.
!
Anmerkung von Forenteam:
Diese Diskussion wurde geschlossen, da sie länger als zwei Monate nicht fortgeführt wurde. Sollten Sie dieses Thema weiter diskutieren möchten, öffnen Sie bitte eine neue Diskussion.

Gesperrt